Es begann schleichend in mein Bewusstsein zu kriechen. Ich muss richtig Segeln lernen!

Inhaltsverzeichnis/(Empfehlung zur Lesereihenfolge)

  1. Wer ist Hocipoci?
  2. Es begann schleichend in mein Bewusstsein zu kriechen. Ich muss richtig Segeln lernen!
  3. Strategie YouTube „Segeln für Anfänger“
  4. Weltumsegler zum Anfassen mit Patreon, Freunde klären mich auf
  5. Motivation zum Segeln mit SV Delos
  6. Das perfekte Hafenmanöver, Anlegen Bug voraus in der Box
  7. Die Yacht, was moderne „Bordfrauen“ unbedingt auch lesen sollten
  8. Das Erste Mal mit zwei verdeckten Ermittlern
  9. Segelbücher für Frauen der anderen Art, must have!(Teil 1)

Nach dem ich mit dem Empty Nest Syndrom – die Kinder, die auch noch Zwillinge sind, sind ausgezogen – ordentlich zu kämpfen hatte, bedurfte es einer Neusortierung der täglichen Abläufe im Alltag. Mit dem „Loch“ im Mutterherzen wurde mir aber nicht nur beim Alltäglichen – das Haus ist nicht mehr voll mit Menschen, dafür der Kühlschrank viel zu voll gepropft für zwei – bewusst, dass die Abwesenheit der Kinder sich auch anderweitig sehr bemerkbar machen würde.

Die eigenspielte Segelcrew, in der ich ja nur die Rolle des unwissenden Fendergirls übernommen hatte, war nicht mehr da. Und schon gar nicht für die Segelsaison in der Ostsee vor Ort präsent. Meine Segelkomfortzone, mit der ich gut hatte leben können, brach ein.  

Dieses ganze neue Studiensystem mit Bachelor in dem man keine richtigen Semesterferien mehr hat, sondern ständig Klausuren die vorlesungsfreie Zeit unterbrechen, deucht mir ganz anders, als die Erinnerung an die eigene Studienzeit.

Damals hatte man Zeit genug ferne Länder zu erkunden und vorher mit einschlägigen Studentenjobs ausreichende finanzielle Vorsorge hierfür zu treffen.

Also Nix mehr mit der fröhlichen Seemannschaft auf Familienbasis.

Außerdem durfte ich ja auch nicht so egoistisch sein und das angestammte, geordnete Erscheinen zum Segeln der Kinder dauerhaft in Anspruch nehmen. Die brauchen ja auch ihre Freizeit, um ihre sozialen Kontakte mit Freunden weiter pflegen zu können und ich durfte nicht die Erwartung haben, dass sie von Mama und Papa immerzu zum Segeln vereinnahmt werden und ich ein glückliches unwissendes Fendergirl bleiben kann.

Sie segeln gern mit uns, aber auch schon seit Jahren mit ihrer eigenen „Kindercrew“. Sie machen sich sogar ernsthaft Gedanken darum, wie für ihre Mutti Vorgehensweise erarbeitet werden können, damit das Boot beim An- und Ablegen, auch wenn Wind und Welle Widrigkeiten mit sich bringen, heil bleibt.

Sie wollen glückliche Eltern und ein heiles Boot. Sie sind wirklich wundervoll!

Während ich mich also geistig mit einer Strategie von der Asche zum Phönix beschäftige, bastelte mein Mann weiter wie üblich im Winter am Boot herum. Ich musste aktiv werden. Das in der Zukunft eine Lösung vom Himmel fallen würde, damit rechnete ich nicht ernsthaft.

Wenn mein Göttergatte eine einfache Lösung meines Problems gehabt hätte, hätte er mich die sicher wissen lassen. Dies hätte all die Jahre das Leben für ihn auch leichter gemacht. Ich war es die sich da ganz klar abgegrenzt hatte und meine Rolle als Fendergirl verteidigt hatte.

Der Miteigner des Bootes fragte mich, ob es nicht für mich gut sei, wenn ich auch einen Sportbootführerschein machen würde und diese Vorgehensweise eine Problemlösung für die Zukunft sei. Dieser wurde von mir mit Inbrunst darüber belehrt, dass ich mir dies als Sofortmaßnahme nicht vorstellen könne.

Konnte ich wirklich nicht. Ich erinnerte mich an die Prüfungsbögen.

Diese hatten mir die Jungs vor Jahren – als sie ihren Sportbootführerschein machten –  ab und an schon unter die Nase gerieben und ich hatte festgestellt, dass ich selten in der Lage gewesen war, den Inhalt der Fragen zu verstehen. Es war eine Aneinanderreihung von inhaltlich unbekannten Wörtern. Daher deuchte es mir keine gute Idee zu sein mich zum Sportbootführerschein anzumelden, um meine mangelhaften Kenntnisse bootstechnischer Natur zu beheben. Das war aus meiner Sicht schon hohe Kunst. Ich wollte niederschwelliger anfangen, viel niederschwelliger!

Im Übrigen war und ist ja auch Corona, so dass Ansammlungen von Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen zu einem Sportbootführerschein anmelden, eh nicht stattfinden. Selbst wenn die Möglichkeiten mancherorts noch gegeben waren, kam dies für mich nicht in Betracht, da ich jedwede Form von Menschenansammlungen Corona bedingt mied und sogar meine berufliche Tätigkeit in den Außenbereich verlegte. Kontaktvermeidung war oberstes Gebot bei mir und die Vorstellung von einer Ansammlung von Menschen die sich alle nichts sehnlicher wünschen, als die Ozeane zu erobern, wirklich…nein danke!

Womöglich würde ich sogar Hass und Neid auf mich ziehen, wenn in den Pausen das Thema aufkäme, was man mit diesem verdammt wichtigen Sportbootführerschein in Zukunft so vorhat.

Wir haben ein tolles Boot und mein Mann kann toll segeln. Die halten mich dann doch eher für plemplem. Pure Luxusbedingungen für ein echtes Seglerherz.

Irgendwie ist das schon ein bisschen komisch, wenn man die Möglichkeit hat, die Freiheit auf dem Boot zu erleben – von der immer alle träumen – und nicht mehr daraus macht, als ein Fendergirl zu sein. Alternativ Klammeraffe an der Winsch oder unter Deck zu liegen und sich die Örtlichkeiten so zurecht zu basteln, als wäre man eben gerade nicht auf einem Boot und auf dem Wasser.

Das versteht doch kein Mensch mit Seglergen und das macht mich zum potentiellen Mobbingopfer, ganz klarer Fall. Dazu hatte ich in meiner kostbaren Freizeit gar keine Lust.

Der, der die Idee zum Sportbootführerschein für mich hatte, ist ein guter Freund von uns und wie gesagt Miteigner der Bootes.

Die Männer haben die X-482-vor ein paar Jahren in Spanien gekauft. Ein Boot mit Geschichte, welches zunächst nach seiner Herstellung in Dänemark nach China ging. Dort war die Yacht bei vielen Rennen unterwegs. Sie fuhr um die Welt und landete dann im Mittelmeer unter thailändischer/griechischer Herrschaft. Sie war einige Zeit als Charterboot mit Skipper und Smutje unterwegs. Weil es sich dort wegen des griechischen Sparkurses wohl nicht mehr lohnte, stand sie zum Verkauf. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt noch eine Dehler, aber die wurde von den Herren gefühlt immer kleiner. Ein größeres Boot sollte her.

Diese Entscheidung hatten die Herren, ich nenne sie auch liebevoll die großen Jungs, auf einem völlig verregneten Segeltörn entwickelt. Unterwegs hatten sie in einem Hafen ein deutlich größeres Boot, das eine verlassene Swan sein sollte, gesehen. Dieses Boot, welches schon begrünt war und damit besonders geheimnisvoll wirkte und das Abenteuergen der Herren ansprach, sollte für alle über 1,90 Meter großen Kerle ein ausreichendes Platzangebot bieten.

Nach der Reise wurde dem Boot hinterher recherchiert. Ich stand dieser Idee sehr skeptisch gegenüber, weil ich mich so schön daran gewöhnt hatte, wo ich auf der Dehler die ganzen Essensköstlichkeiten für zauberhafte Mahlzeiten verbunkern konnte. Demzufolge mischte ich mich ein und konnte im Rahmen meiner Recherchen feststellen, dass dies nur der Nachbau einer Swan war und daher meiner Meinung nach ein nicht vertrauenserweckender“ Joghurtbecher“ im miserablen Zustand und viel zu teuer.

Die sich aus meiner Sicht anbahnende Gefahr eines neuen Riesenbootes, auf dem ich noch weniger Überblick haben würde, war aber nur eingedämmt. Die Herren ließen nicht nach in ihrer Suche nach einem größeren Boot und brauchte Inspirationen.

Die Bootsmesse in Hamburg wurde zum nächsten Ziel und ich ließ es mir nicht nehmen – trotz absoluter Ahnungslosigkeit – gemeinsam mit den Herren und Kindern die Messe zu besuchen.

Fest stand für mich: Es darf auf keinen Fall wackeliger werden! Zumindest musste für mich das Boot absolut sicher wirken und Platz haben für eine große Crew. Logisch, dass man als Fendergirl so denkt.  

Wir liefen uns also wie Messe üblich die Füße platt. Eine Vielzahl der Boote kam eh nicht in Betracht, weil sie unter Deck nirgendwo eine Standhöhe hatten, wo die Herren mit geradem Rücken stehen konnten. Ich fand nur zwei Boote gut. Eines was im Innenausbau so wirkte, als sollen immer viele Leute in dem Boot schlafen und dann die X-Yacht, die letztendlich das Boot meiner Wahl war.

Die ausgestellte X-Yacht war toll. Sie hatte auch keine blöden runden Betten, wo einem definitiv die Chance genommen wird, sich bei Schräglage durch kunstvollen Deckenbau in die Waagerechte zu begeben und in der Küche und im Salon war ausreichend Stehhöhe für die Herren vorhanden.

Nur so was will ich, erklärte ich vollmundig. Das sei stabil und würde einem damit Sicherheit geben können. Ein „Jogurtbecher“ käme mir nicht ins Haus.

Während auf männlicher Seite vielleicht still und heimlich die Hoffnung aufkeimte, mehr Sicherheit würde die Herzensdamen dann dem Segeln näher bringen, hegte ich eher den heimlichen Gedanken, dass diese Boote so hochpreisig sind, dass eine bezahlbare X- Yacht in der Wunschgröße eh nicht zu finden sein wird und ich schön weiter als Fendergirl und Küchenfee die Verstaumöglichkeiten in der kuscheligen Dehler nutzen können würde.

Im Internet fanden die Herren jedoch gefühlt sehr schnell eine ansprechende gebrauchte X- Yacht.  Also flogen mein Mann und sein Freund nach Spanien zur Bootsbesichtigung, wo die X-Yacht damals lag.

Es war Liebe auf den ersten Blick!

Sie kamen mit strahlenden Augen wieder. Miesmacherargumente  konnte ich keine Vorbringen, wollte ich auch gar nicht, denn ich will ja dass alle glücklich sind und das Augenstrahlen sagte Alles.

Es gab nur noch ein paar Preisverhandlungen, einen weiteren Termin um das Boot im Wasser auszuprobieren und dann wechselte das Boot in die Familie.

Von denen, die in unserer Familie mit Segelleidenschaft gesegnet sind und zeitlich verfügbar waren sowie den Segelverrückten aus dem Freundeskreis wurde das Boot dann kurzerhand von Spanien nach Gelting Mole überführt.

Auch wenn die Herren für die Überführung nur wenig Zeit hatten, hielten sie Einiges in Bild und Ton fest, was ich später auch bewundern konnte. Und ich kann nicht sagen, dass mir das Zusehen keine Freude gemacht hat.

Ich würde das grundsätzlich auch gerne erleben, wenn die Delphine um das Boot hüpfen oder die Schildkröten bei der Jagd nach Futter beobachtet werden können. Man merkte schon, dass das Gefühl von Freiheit vom Bildschirm übersprang, aber zwischen mir und dem unbedingten Wunsch nach dieser Freiheit steht die Unwissenheit des ängstlichen Fendergirls.  

Seitdem das Boot hier ist, wird es regelmäßig auf der Ostsee bewegt. Die Kinder sind mit ihrer Mannschaft unterwegs. Die „großen Jungs“ machen auch regelmäßig gemeinsame Urlaubswochen und wir Vier als Familie waren auch im Urlaub und am Wochenende unterwegs.

Aber wir Vier sind eben nicht mehr so zusammen wie früher.  Ein neuer Lebensabschnitt, Segeln zu zweit wird kommen.

Die Fachbücher oder Berichte von Alleinseglern,  Ostsee Prinzessinnen und Abenteuerfamilien gehen immer mit einem anderen Ansatz einher, nämlich dem Traum vom Segeln, der in meinen Lebensträumen bisher keine Rolle gespielt hat. Gern gelesen aber für mich nur bedingt hilfreich.

Da die seglerische Zukunft anders werden soll, muss ich meinen persönlichen Weg für mein Projekt vom Fendergirl zum Skipper finden..

Vielleicht auf YouTube, da muss sich ja was finden lassen.

Hocipoci.

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